Schlaraffia

Nach der tschechischen Renaissance zu Beginn des 19ten Jahrhunderts existierte in der Hauptstadt Prag ein Verein namens „Arcadia“. Es war dies eine Erinnerung an das griechische Arkadien, in der der Mythos einer idyllischen Natur mit Panflöten gepflegt wurde. Die Kulturwelt Tschechiens wurde bestimmt von der im Volk nicht gerade beliebten geistigen und administrativen Führungsschicht der Deutschen.

Von den Arcadiern sonderten sich einige ab und bildeten die „Schlaraffia“, deren Mitglieder sich als Ziel die Pflege des Humors, der Kunst und der Freundschaft setzten. In ihrer der Tradition verhafteten Denkweise ähneln die Frankfurter Schlaraffen gewissermaßen der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft; gleich diesem sind hier auch nur Männer zugelassen.

Die Schauspieler unter ihnen, und das waren nicht wenige, übten ihren Beruf im warmen Sommer außerhalb der Stadt Prag aus, während sie sich im Winter zu den sogenannten „Sippungen“[1] in einem Gasthaus trafen. Aus diesen Zeiten und von diesem Ort leitet sich auch das Wappentier, der Uhu, als höchstes Wesen im „Uhuversum“ her.

Der Zufall wollte es, dass gleich über der Innentür des von ihnen gewählten Gasthauses ein großer, ausgestopfter Uhu angebracht war. So wurde der Uhu auch gleich zu ihrem geliebten Sinnbild (der Verfasser bittet die Leserschaft um bessere Informationen). Es ist zu vermuten, daß an diesen Abenden, die bis spät in die Morgenstunden andauerten, nicht nur Säfte und Karlsbader Heilwasser getrunken wurde. Einig waren die Schlaraffen jedoch in ihrem spätromantischen Verständnis, daß Ritterlichkeit und tief empfundene Freundschaft ihr Dasein prägen sollte. Die damals aufgestellten Statuten gelten cet. par. auch heute noch. In dieser Zeit der Neoromantik mit ihren allenthalben entstehenden Männerbünden, die eine geistreiche gegenseitige Unterhaltung und reine Männerfreundschaft pflegen, wird auch das schlaraffische Spiel erfunden.

Das Wort „Schlaraffe" stammt vom mittelhochdeutschen „Slur-Affe" und bedeutete damals nichts anderes als „sorgloser Genießer". Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß der Name gesetzlich geschützt ist – sicherlich sehr zum Verdruß eines Matratzenherstellers.

Im Falle der heutigen Schlaraffen ist der Begriff allerdings mehr im intellektuell-geistigen Sinne gemeint und hat beileibe nichts mit gourmandhafter Völlerei und übermäßigem Bierkonsum zu tun. 
Wer Schlaraffe wird, tritt in ein geistiges Schlaraffenland ein mit Grenzen, aber grenzenlosen Möglichkeiten.

Da sich die Schlaraffen bis heute auch nicht an die „profane Welt“ (mehr davon später) angleichen wollten und da viele Schlaraffen jüdischen Glaubens waren, erlebten sie im Nationalsozialismus herbe Rückschläge  – Vermögen wurden konfisziert und letztendlich die Vereine verboten.

Wenige Jahre später tolerierten die kommunistischen Machthaber die ihnen geistig vermutlich weit überlegenen Schlaraffen ebenso nicht und die Vereine (Reyche) wurden ebenfalls verboten.

Damals ließen sich keine rationalen Gründe für Verbote nennen: Bei den Schlaraffen sind Politik, Beruf und Religion tabu. Damit lassen sie sich auch nicht vergleichen mit Rotary oder Lions. Oft haben Schlaraffen mit einem alten Vorurteil zu tun, das aber nicht stimmt: Sie sind keine Loge. Als Rechtspersönlichkeit sind sie ein normaler Verein.

In den Statuten wird festgelegt, daß die tragenden Säulen der Schlaraffia sind: Freundschaft, Humor und Kunst. Daran hat sich seither wenig geändert.

Um diese komplexe Situation näher zu bringen, sei ein Exkurs erlaubt:

Wenn sich im Winterhalbjahr die Frankfurter Schlaraffen jeden Dienstag in ihrer Burg, dem ehemaligen Oberräder Bahnhof treffen, (der Verein ist Eigentümer dieses denkmalgeschützten Gebäudes ) dann verlassen sie die „profane“ Welt. Der Streß des Berufes wird am Eingang abgelegt, man verneigt sich vor einem ausgestopften Uhuvogel, begrüßt seine Freunde, nimmt Anteil an deren Leben und beginnt einen unbeschwerten Abend (die Sippung) mit Vorträgen, Musik und angeregter Unterhaltung – alles dies nach vorgegebenen Regeln. Wie man auch das profane Leben beiseite schiebt, so legt man sich auch andere Namen zu  (der Verfasser nennt sich „Ritter Null Uhr zwanzig“, ein anderer heißt „Ritter Hotschi-Bumh“) und kleidet sich in eine Rüstung (in Frankfurt ein Leinenumhang in hessichem weiß/rot.

Strenge Regeln beschreiben den Ablauf der Sippung: Ein Gong (Tamtam) ertönt, Gäste werden begrüßt – aber nicht, wie im profanen Leben, sie werden herausgeschickt und unter mächtigem Getöse und (Holz-)Schwertergerappel wieder hereingebeten – Protokolle verlesen, darunter auch das „Nichtambtliche Protokoll“.

Später am Abend hört man Vorträgen zu – sie orientieren sich i.d.R an dem Thema des Abends oder es wird musiziert. Die Themen reichen von Goethe (die Frankfurter Schlaraffen hatten wesentlichen Anteil am Aufbau des Freien Deutschen Hochstifts im Hirschgraben, Frankfurt am Main, geleistet), Ringelnatz, Robert Gernhardt bis hin zu Eigenkreationen.

Schlaraffe zu sein, bedeutet Freund sein. Sie spielen gemeinsam ein ritterliches Spiel nach uralten, genauen Regeln. Dabei lernt einer vom anderen. Der Humor und das „Sich-nicht-Ernstnehmen" spielen eine große Rolle. Alle schönen Künste werden gepflegt. Wer in das schlaraffische Spiel eintritt, vergisst berufliche und private Sorgen. 

Er entspannt sich von der Hektik des Alltagsstress und fühlt sich wohl in seiner ihm auf den Leib geschriebenen Ritterrolle. Natürlich gibt es bei den Zusammenkünften auch viele ernsthafte Themen. Und dennoch heißt Schlaraffe sein mit dem Augenzwinkern zu leben.  Deshalb zwinkert der Uhu als „Wappenvogel" der Schlaraffen mit einem Auge. An seiner positiven Grundhaltung und an seiner Fröhlichkeit erkennt man den Schlaraffen. Schlaraffen machen nur für sich selbst eine Art literarisches Kabarett. Nach vorgegebenen Themen oder ohne halten sie kleine Vorträge, geben selbstgemachte Gedichte zum besten oder rezitieren Literaten. Sie spielen Klavier oder andere Instrumente, singen aus der musikalischen Literatur, aber auch gemeinsam aus einem umfangreichen schlaraffischen Liederbuch. Auch andere Musen werden tüchtig gepflegt.

 

Großen Wert legen Schlaraffen auf Besuche anderer Reyche; in der näheren Umgebung Frankfurts gibt es schlaraffische Vereine in Bad Nauheim, Wiesbaden, Mainz, Wetzlar, Gießen, Bad Orb, Darmstadt usw.

 Die Dachorganisation „Allschlaraffia“ bietet im Internet mehr Informationen an unter www.schlaraffia.org . Hier sei besonders hervorgehoben ein Beitrag von Andre Soutou „Was ist Schlaraffia?“.